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Sexueller Missbrauch - Ein Tabuthema

 

Bei sexuellem Missbrauch und Gewalt gegen Kinder kann niemand weg sehen. Das ist ein sehr umfangreiches Thema. Die Bandbreite ist groß. Von „zufälliger“ Berührung über Belästigung bis hin zu Vergewaltigung, Folter und Mord. In allen Gesellschaftsschichten. Das geschieht nicht irgendwo, weit weg. Es geschieht in unserer Umgebung. Jeden Tag! Die vielen spurlos verschwundenen Kinder können in den dunklen Kreis der Kinderpornografie verbracht worden sein. 

 

Eines haben alle Gewalttaten wie sexueller Missbrauch, physische Gewalt, psychische Gewalt, emotionale Gewalt usw. gemeinsam. Für das Opfer bedeutet es Angst, Erniedrigung, Vertrauensverlust gegenüber allem und jedem. Psychische Erkrankungen wie Depressionen aller Art, Borderline Syndrom, selbstverletzendes Verhalten, Angststörungen, Suchterkrankungen und vieles mehr, manchmal von den Betroffen überhaupt nicht wahrgenommen, können auftreten. Die Ursachen dafür können aber vielschichtig sein. Nicht jeder, der an einer solchen Erkrankung leidet, muss sexuell missbraucht worden sein. Umgedreht muss nicht jeder, der missbraucht wurde, eine psychische Erkrankung entwickeln!

 

Selbstbewusste Kinder werden seltener Opfer. Sie sollen auch Erwachsenen gegenüber laut „nein“ sagen dürfen. Bei Gefahr ohne zu zögern um Hilfe rufen. Sich von vermeintlichen Respektpersonen nicht einschüchtern lassen. Eltern und Vertrauenspersonen alles erzählt können. Fremden brauchen sie nichts erklären. Die sollen sich an die Eltern wenden. Ein normaler Autofahrer wird beispielsweise kaum ein Kind nach dem Weg fragen. Da ist Vorsicht geboten. Solche Situationen können Kinder erkennen lernen.

 

Was Kinder erzählen sollte man ernst nehmen. In jedem Alter. Nicht sofort als abwegig beurteilen. Einige Dinge können sie sich noch nicht ausdenken oder vorstellen, wenn sie es nicht erlebt haben. Merkwürdige Zeichnungen behutsam hinterfragen. Verändert sich ihre Verhaltensweise? Es gibt häufig verborgene Botschaften. Tränen lügen nicht.

 

Die meisten Taten werden nicht vom großen Unbekannten verübt. Viel öfter geschieht es im häuslichen Umfeld. Gerade dort sollte es eigentlich Schutz und Geborgenheit geben. Stattdessen wird es zum Folterlager ohne Möglichkeit zur Flucht. Ganz gleich ob der Missbrauch von den eigenen Eltern, Stiefeltern, Geschwistern, Verwandten  oder Bekannten ausging. Die Sicherheit des Zuhauses wurde zerstört. Das Vertrauen zum Täter lässt die Missbrauchten manchmal glauben es sei normal oder sie fühlen sich verpflichtet für die erhoffte Aufmerksamkeit und Liebe eine Art Gegenleistung erbringen zu müssen. Erzählen andere Kinder z.B. im Kindergarten dann auch noch, dass ihnen ähnliches widerfahren ist, wissen sie in dem Moment vielleicht nicht einmal dass sie missbraucht wurden. Sie kenne es nicht anders.

 

Selbst wenn sie irgendwann merken, dass es nicht in Ordnung ist, was Jemand aus dem Umfeld mit ihnen macht, schützen sie den Täter oder verheimlichen es zumindest. Vielleicht weil sie ihn als wichtige Bezugsperson lieben, von ihm abhängig sind, oder andere Mitglieder der Familie schützen möchten. Das sie Angst davor haben für Streit verantwortlich zu sein, wenn sie etwas erzählen. Dadurch die Familie zerbrechen könnte. Das sie glauben selber schuld daran zu sein. Eine nicht zu unterschätzende Belastung. Das kann schwere Gewissenskonflikte und Verlustängste auslösen. Obendrein sind da Schmerz, Scham und Ekel, was sie verständlicher Weise niemandem sagen möchten.

 

Manche Dinge werden verdrängt und im Unterbewusstsein eingeschlossen sodass es keine konkreten Erinnerungen gibt. Erst ab einem Alter von ca. 3 Jahren soll sich der entsprechende Teil des Gehirns entwickeln. Was davor war ist im Normalfall weg. Und selbst danach versteht ein kleines Kind vermutlich noch gar nicht, was da mit ihm passiert ist. Hat keine Worte dafür. Wie will es das jemandem erklären oder als Information abspeichern? Irgendwann später gibt es dann vielleicht Flashbacks, ohne etwas konkret benennen zu können.

 

Das Erlebte hat nicht selten Einfluss auf die psychische Entwicklung. Depressionen, Minderwertigkeitsgefühl, Phobien, Magersucht, Bulimie, Gewaltfantasien, selbstverletzendes Verhalten, Selbstmordgedanken um hier nur Einige zu nennen.  Dazu kommen die Folgen körperlicher Verletzungen. Ein Trauma kann langfristig schwere Erkrankungen auslösen.

 

Sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt sind heute leider immer noch viel zu oft ein Tabuthema. Niemand spricht gerne darüber.  „Vielleicht ist sie ja doch selber schuld, warum zieht sie sich auch immer so an, wer sich so aufdonnert muss sich nicht wundern ...“.  Das wird gelegentlich nach solchen Taten gesagt. Ein Versuch, sein eigenes Wegsehen zu entschuldigen? Sich nicht damit beschäftigen zu müssen? Also geht man zur Tagesordnung über und vergisst. Die Missbrauchten und Vergewaltigten  bleiben mit dem Erlebten alleine zurück.

 

Warum signalisiert man den Opfern nicht, dass sie sich für das Geschehene nicht schämen müssen? Nicht dafür verantwortlich sind. Man sollte Mut machen sich von der Last des Schweigens zu befreien. Was Geschädigten hilft, egal ob noch Kind oder bereits erwachsen, ist das Wiedererlangen von Vertrauen zu anderen Menschen, in unsere Gesellschaft und Justiz. Die oft geringen Strafen halten viele davon ab , sich dem Ganzen zu stellen. Wozu, wenn am Ende nichts dabei herauskommt?

 

Im Falle eines Prozesses kommt alles wieder hoch, was über Jahre tief in der Seele verborgen blieb. Das tut weh. Aber nur wenn es da raus kommt, kann man versuchen die Sache zu verarbeiten. Ein schwerer, schmerzlicher Weg, der nach Möglichkeit von Ärzten und Therapeuten begleitet werden sollte. Gute Freunde können hilfreich sein um die ersten Schritte zu tun. Ansonsten sollten sich Laien, wie ich auch einer bin, nicht als Psychologe versuchen. Das könnte schief gehen!

 

Verständnis, Mut machen, unterstützen, zuhören. Das ist es, was ein wirklicher Freund tun kann. Aber stellt euch das nicht so einfach vor. Es ist für einen selber auch eine große Belastung, das Gehörte zu verkraften und damit umzugehen. Je näher einem das Opfer steht, desto größer sind die eigenen Gefühle wie Wut und Betroffenheit. Es braucht sehr viel Geduld.

 

Verantwortung tragen wie alle. Wer sieht, dass ein Kind auf der Straße augenscheinlich gegen seinen Willen festgehalten oder in ein Auto gezehrt wird, muss was tun. Ich weiß, die Überwindung ist groß. Es stellen sich einem automatisch Fragen wie, „könnte das nicht auch der Vater sein“? „Was ist, falls ich mich irre“? „Wenn ich ein fremdes Kind auf mögliche Probleme anspreche, gerate ich nicht selber in Verdacht“? Diese Bedenken sollten zum Schutz des betroffenen Kindes erst einmal hinten anstehen. Wird ein Kind in aller Öffentlichkeit, im Elternhaus, in der Nachbarswohnung misshandelt, gequält oder verschleppt spielt es keine Rolle, ob das der eigene Vater, ein Verwandter oder ein Fremder ist. Man muss nicht gleich zum Helden werden. Zivilcourage kann man trotzdem zeigen. Aufmerksamkeit herstellen, Passanten um Hilfe bitten, Kennzeichen notieren, Notruf wählen. Das gilt selbstverständlich für jede Art von Gewalt. So leben wir alle ein wenig sicherer.

 

Wenn ein besonders schlimmer Fall öffentlich wird geht ein riesiger Aufschrei durchs Land. Es ist alles unfassbar. Es wird ein gewaltiger Wirbel um die Täter gemacht. Aber wer fragt sich danach noch, was aus dem Opfer wurde? Dann beginnt die Diskussion „behandeln oder wegsperren“.

 

Ich versuche das mal rational zu betrachten, auch wenn es schwer fällt. Sperrt man die Leute ohne Therapie ein, kommen die genauso gefährlich wieder raus. Macht man eine Therapie besteht die Gefahr, dass gute Schauspieler vorzeitig auf freien Fuß kommen und neue Taten begehen. Was ist besser? Ich hätte da einen relativ einfachen Lösungsansatz. Täter sollten die juristisch festgesetzte Strafdauer in stationärer Therapie verbringen müssen. Entlassung ist nur  möglich wenn sie, ähnlich wie bei Verkehrssünder, eine Art „MPU“ (Medizinisch, Psychologische, Untersuchung) bestehen. Dabei darf nicht nur die psychologische Beurteilung Grundlage sein. Es sollte technisch Möglichkeiten geben bestimmte Erregungszustände eines Menschen auf Schlüsselreize festzustellen. Ähnlich einem Lügendetektor. Da hilft kein Schauspielern.

 

Ich höre schon die Frage nach den Kosten einer Unterbringung von Triebtätern in stationären Einrichtungen. Da versuche ich mal eine betriebswirtschaftliche Gegenrechnung aufzustellen. Was kostet eine lebenslange psychologisch, medizinische Behandlung eines missbrauchten, vergewaltigten Menschen?  Wie viele sexuell motivierte Straftaten könnten so verhindert werden? Ist nicht jeder einzelne durch Prävention verhinderte Fall den Aufwand wert? Ich glaube nicht, dass man diese Argumente widerlegen kann!

 

Was bringen härtere Strafen? Kinderschänder stehen im Knast auf der untersten Stufe. Das ist nachvollziehbar, geschieht ihnen recht sollte man meinen. Kann die Angst eines Täters davor aber nicht auch dazu führen, dass er eher bereit ist sein Opfer zu töten? Was unterscheidet den Dealer, der Drogen an Schulen verkauft, von einem Kinderschänder? Wenn sich die Schüler(innen) zur Finanzierung der Drogen prostituieren lebt der Dealer von dem Geld, welches Pädophile den Kindern für ihre „Dienste“ bezahlen.

 

Die Gefängnisstrafen in Deutschland halte ich allerdings auch für viel zu gering. Ein Raubkopierer wird härter bestraft als ein Vergewaltiger. Das kann keiner verstehen. In den USA müssen solche Täter nicht selten für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis. Einen Rückgang sexuell motivierter Straftaten bewirkt  das allerdings auch nicht.

 

Ich appelliere an potentielle Täter sich rechtzeitig, bevor sie Straftaten begehen, therapieren zu lassen. Ein pädophil veranlagter Mensch, der sich diese Neigung nicht ausgesucht hat, kann von sich aus Übergriffe verhindern. Solange er noch erkennt, welches Leid eine solche Straftat bei den Opfern hervorruft, besteht Hoffnung auf eine erfolgreiche Therapie. Erfolgreich bedeutet aber nur mit dieser Neigung umzugehen. Heilung gibt es meines Wissens nach nicht. Dazu bedarf es aber auch Akzeptanz und Anlaufstellen die bereit sind diese Aufgabe zu übernehmen. Solange man sich um diese Risikogruppe kümmert, damit ihr Handeln im Blick hat, werden sie kaum Straftaten begehen.

 

Bei Tätern, die aufgrund von Gewaltfantasien und Machtausübung solche Taten begehen, ist eine Therapie wohl wenig Erfolg versprechend. Das Recht auf Freiheit dieser Gruppe muss zum Schutz der Allgemeinheit zurück stehen. Ohne Wenn und Aber. Kurze Haftstrafen reichen nicht aus. Die anschließende Sicherungsverwahrung muss im Urteil bereits ausgesprochen werden. Der europäische Gerichtshof hatte Mitte 2010 die nachträgliche Sicherungsverwahrung von Sexual– und Gewalttätern für  unzulässig erklärt. Sicherungsverwahrte mussten aufgrund des EU-Urteils entlassen werden. Das gilt es zukünftig zu verhindern.

 

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