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Wachkoma

 

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem Wachkoma (Apallisches Syndrom). Keine wissenschaftliche Abhandlung! Lediglich eigene Gedanken, die mir naheliegend erscheinen. Ein Versuch das „Fachchinesisch“ für mich verständlicher zu machen. Ein schwieriges Thema mit vielen Aspekten!

 

Beim Wachkoma ist durch Schädigung der Großhirnrinde nach Unfall (Trauma), Krankheit, Schlaganfall, Herzstillstand oder  Reanimation die Funktion des Bewusstseins weitgehend zum Erliegen gekommen. Also fast jede Form der Wahrnehmung. Bewusstes sehen, hören, fühlen. Kommunikation, Sprache, Mimik, Muskelkontrolle, Nahrungsaufnahme, Bewegung. Ursache ist die Unterbrechung von Nervenbahnen zwischen Großhirn und Hirnstamm. Der Hirnstamm, welcher für das reine Überleben notwendig ist, ist dabei größten Teils intakt. Kurz gesagt, eine auf das Minimum reduzierte Form des Lebens an der Grenze zum Tod. Aber nicht ohne jede Hoffnung!!! Begleiterscheinungen, neben der vollständigen Lähmung und Verlust der Kommunikation, sind häufig Spastiken in Händen und Füßen sowie epileptische Anfälle.

 

Die Definition des Schweregrades orientiert sich üblicher Weise an dem, was ein Patient nicht mehr kann. (Biomedizinisches Modell) Neuere Forschungen gehen in eine andere Richtung. Dabei werden nicht nur die Defizite, sondern auch Beobachtungen von Angehörigen und Pflegekräften mit einbezogen. (Beziehungsmedizinische Sicht) Dabei wird nicht jede Wahrnehmung ausgeschlossen. Ein Patient reagiert z.B. deutlich mit Gegenwehr auf Schmerzen oder unangenehme Maßnahmen.

 

Das Mittelhirn, Bestandteil des Hirnstamms, steuert die Augenmuskeln und hat großen Einfluss auf die motorischen Fähigkeiten. Beim Mittelhirnsyndrom werden Teile des Großhirns über Druckanstieg durch Blutungen oder Ödeme eingeklemmt. Folge sind Bewusstlosigkeit, heftige Eigenreflexe, Krampfanfälle (Epilepsie), Spastiken, erweiterte Pupillen mit unterschiedlicher Augenstellung, Bluthochdruck, schnelle Herzrhythmusstörungen (Tachykardien), verminderte Schmerzwahrnehmung usw. Bei schwerer Schädigung durch Komprimierung fällt der Patient in das Apallische Syndrom. (Wachkoma) Daher ist die schnelle Druckminderung auf das Gehirn nach Unfall oder Blutung so wichtig. Hirnflüssigkeit muss ggf. abgeleitet werden. In schweren Fällen ist eine teilweise Entfernung der Schädeldecke erforderlich.

 

Ich glaube an die autonomen Fähigkeiten des Gehirns und des Unterbewusstseins, welches uns vermutlich mehr beeinflusst als wir glauben. Ein großer Teil des Gehirns arbeitet unbewusst, also selbstständig! Wenn unser Gehirn die vielen Eindrücke, die in jeder Sekunde auf uns einwirken, bewusst verarbeiten sollte wäre es hoffnungslos überfordert. Daher sortiert unser Unterbewusstsein alle Informationen vor.

 

Es hat, bevor wir überhaupt anfangen über eine Reaktion nachzudenken, bereits eine Vorauswahl zwischen wichtig und unwichtig getroffen. Rollt zwischen zwei PKW ein Ball auf die Straße steht der Fuß automatisch voll auf der Bremse. Muss eine erlernte Fähigkeit sein! Aber nicht als verarbeitete Information, sondern als Reflex! Fahren wir auf eine Ampel zu, die von grün auf gelb springt, müssen wir situationsbedingt  bewusst, also selber entscheiden. Das geschieht so langsam, dass wir oft das Falsche tun. Reflexe sind schneller!

 

Ich bin der Auffassung, dass das Unterbewusstsein gezielt reagieren kann. Nicht wie das Großhirn mit gezielter Einordnung eines Reizes, mit Erinnerung an frühere Ereignisse. Aber ein spontanes „Erleben“ von gut oder schlecht, angenehm oder unangenehm, sicher oder unsicher, und in jedem Fall die Wahrnehmung von Schmerzen sind sehr wahrscheinlich.

 

Das Bewusstsein, alles was wir willentlich entscheiden, ist im Großhirn angesiedelt. Diese Fähigkeit macht uns als Menschen aus. Der Hirnstamm ist „ein Überbleibsel aus der Urzeit“, der das reine Überleben sichert. Also Atmung, Herzschlag, das vegetative Nervensystem, welches wiederum Kommandozentrale für autonome Abläufe wie Darmtätigkeit oder Fluchtreflexe ist. Gefühle werden Forschungen zu Folge im so genannten Mandelkern, der Teil des limbischen System ist, über Hormone gesteuert! Das limbische System, auch emotionale Kommandozentrale genannt, ist ein wichtiger Bereich der sowohl Teile des Großhirns als auch des Hirnstamms erfasst.

 

Eine wichtige Information, die ich im Zusammenhang  mit meiner Herztransplantation  bekommen habe. Das Herz ist ein Organ, welches man über den Herzschlag spüren kann. So auch Gefühlsregungen und Emotionen, die Herzfrequenz und Stimmungen beeinflussen. Bei der Transplantation werden alle Nervenbahnen zum Herzen getrennt. Daher hat man danach keine Schmerzempfindung vom Herzen mehr. Meine Sorge war, dass dadurch eine Art Wesensänderung bei mir eintreten könnte. Da die Gefühle und Emotionen aber vom Mandelkern, welcher Teil des Stammhirns ist,  über Hormone gesteuert werden, funktioniert das Erleben über den Herzschlag  weiter.

 

Das könnte die Reaktionen von Wachkomapatienten erklären! Weinen, lachen, die beruhigende Wirkung durch Zuwendung vertrauter Personen. Ausdruck der eigenen, momentanen Gefühlslage, Angst, Trauer usw. Meiner Meinung nach kann man damit eine Basisform der Kommunikation schaffen. Wenn eine vertraute Person beruhigend auf einen Patienten einredet kann es gut sein, dass der die Bedeutung der Worte nicht versteht. Sprachzentrum ist ja im Großhirn. Aber der Tonfall, die vertraute Stimme, Berührung über die Haut, all das kann mit Hilfe der Hormone eine emotionale, beruhigende Wirkung haben. Allerdings nur im Moment des Erlebens. Erinnerung und lernen finden, evtl. mit kleinen Ausnahmen, im Großhirn statt.

 

Die ganze Theorie hat nur einen Haken! Um das Stammhirn anzusprechen braucht es Sensoren. Also Augen, Ohren, Haut bzw. sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken und wer weiß was sonst noch. Wie kann man herausfinden, was noch funktioniert? Nur durch aufmerksames beobachten!

 

Sehen? Ob der Sehnerv intakt ist können Ärzte wohl feststellen. Die Bilder müssten aber im Großhirn verarbeitet werden, was oft nicht mehr möglich ist. Beim Mittelhirnsyndrom können die Augenmuskeln durch den Patienten nicht mehr kontrolliert werden. Eine Reaktion auf Licht ist noch möglich. Wichtig für das Überleben weil darüber Tag– und Nachtwechsel erkannt werden. Daher eine Aufgabe für das Stammhirn? Ob es eine Art bildhaftes Gedächtnis im Stammhirn gibt? Ist eine interessante Frage. Wo entstehen die Traumbilder? Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass darüber die unbewusst gespeicherten Dinge im Schlaf verarbeitet werden. Da sollen auch die Bilder der Nahtoderfahrungen her stammen. Können Koma  Patienten träumen? Was passiert wenn man Patienten einen Spiegel vor hält. Also sind sie in der Lage, falls sie sehen können, zu erkennen dass sie es selber sind. Somit ein „Ich“ haben?

 

Ich vermute der Sensor Haut funktioniert über Nervenbahnen ins Stammhirn. Der freundliche Kontakt ist spürbar. Mir ist das z.B. durch erfahrene Krankenschwestern vertraut, die ihren Beruf aus Überzeugung machen. Die legen einem während einer schmerzhaften Prozedur oder wenn es einem mal nicht so gut geht ganz beiläufig die Hand auf die Schulter, auf die eigene Hand, streicheln kurz über den Oberarm oder den Rücken. Das alles wie rein zufällig, ohne Worte. Die beruhigende Wirkung ist aber sofort spürbar.

 

Schmerz wird ebenfalls über Nervenbahnen wahrgenommen. Wenn man mit Patienten Physiotherapie macht lassen sie es einen wissen, wenn es weh tut oder zu viel wird. Sie fangen an zu knatschen wie jeder andere auch. Bei geschädigtem Großhirn müsste das demzufolge auch im Stammhirn erfasst werden.

 

Beim Hören kann man nur beobachten ob Patienten auf Musik oder Ansprache irgendwelche Reaktionen zeigen. Im Grunde genommen aber bei allem der gleiche Mechanismus. Erfahren von Gefühlen, Schmerz, Fröhlichkeit, Traurigkeit usw. in „Echtzeit“. Jedoch ohne die Möglichkeit, dieses Erlebnis bewusst zu speichern und damit wieder abrufen zu können. In früheren Zeiten verankerte Erfahrungen, oder auch aktuelle Lernprozesse durch etliche Wiederholungen, sind aber noch da! Also doch ein Speicher für lebenswichtige Erfahrungen im Stammhirn? Oder teilweise Reparatur der neuronalen Netzwerke zwischen Groß– und Stammhirn?

 

Wenn man einmal herausgefunden hat, welche Sensoren noch funktionieren, dann hat man eine Chance Patienten gezielt zu erreichen. Über Nervenbahnen die im Stammhirn verarbeitet werden oder über die Hormone und die damit verbundene Gefühlssteuerung. Man denke an die Pubertät. Die setzt bei jugendlichen Patienten auch ein. Folge, neben den körperlichen Veränderungen, launisch oder trotzig sein. Dann wieder lachen, gefolgt von undefinierbarem weinen.

 

Alles nur Theorie. Aber viel mehr haben Ärzte und Wissenschaft auch nicht zu bieten.

 

Was bedeutet das alles? Für mein Empfinden auf jeden Fall die Annahme, dass Schmerzen vom Patienten erlebt werden, er sich aber diesbezüglich nicht bemerkbar machen kann. Das beinhaltet die Verpflichtung von Angehörigen und Pflegekräften ganz gezielt darauf zu achten, ob etwas schmerzhaft sein könnte. Ich denke da insbesondere an Druckstellen und Geschwüre, aber auch an Zahnschmerzen. Sollte eine Behandlung notwendig werden ist in jedem Fall eine sehr gute Schmerzprofilaxe erforderlich!

 

Ich bin davon überzeugt, dass der Stress von Akutbehandlung, Reha Maßnahmen, häuslicher Stress, Streitigkeiten im Umfeld und andere unangenehme Dinge auch für jemanden ohne messbares Bewusstsein eine große Belastung darstellt. Darin eingeschlossen die Aufhebung jeden Intimbereiches. Der Patient ist allen Maßnahmen und Blicken schutzlos ausgesetzt. Für Pflegekräfte etwas ganz normales. Aber denkt jemand an das evtl. noch vorhandene natürliche Schamgefühl des Patienten? Wo ist es verankert?

 

Wird ein Kind mit Worten von der Mutter getröstet, setzt das früher vorhandene Bewusstsein dieses Gefühl in Sicherheit um. Eventuell durch bereits während der Schwangerschaft erlernten Signale zwischen Mutter und Kind? Das dürfte mit der Zeit als Automatismus ins Unterbewusste übernommen werden. So wie wir beim Autofahren über viele Routinen nicht mehr nachdenken müssen.

 

Stimmungsschwankungen? Jeder, der schon mal ernsthaft erkrankt war, kennt die Höhen und Tiefen während der Behandlung. Erfahrungen im Grenzbereich zwischen Leben und Tod haben eine große psychologische Wirkung und damit Einfluss auf die Belastbarkeit. Auch da weiß ich aus eigener Erfahrung wovon ich rede. In einer Hochphase macht man gute Fortschritte. Befindet man sich in einem Tal gibt es Rückschläge und Komplikationen. Gesteuert vom limbischen System, welches bei Wachkomapatienten auch noch funktionsfähig sein könnte! Da liegt es auch in der Verantwortung von Angehörigen und Pflegekräften diese Höhen und Tiefen zu erkennen.  Dem entsprechend die Belastung zu steuern.

 

Pflege? Was kann man noch für einen schwer kranken Patienten tun? Wie sein Wohlbefinden steigern? Die Pflege zuhause ist eine sehr große Hilfe, die allerdings genau überlegt werden muss. Die physische, psychische und wirtschaftliche Belastung für pflegende Angehörige ist sehr hoch! Die persönliche Zuwendung ist aber enorm wichtig. Ganz besonders bei Kindern, die intensiver leiden. Nähe, Berührung, Hand halten, freundliches Zureden, fröhlich, lustig oder albern sein, Zärtlichkeit, gewohnte Rituale bedeuten für Patienten Sicherheit, Geborgenheit und Schutz. Wohlbefinden als Motor für die Selbstheilungskräfte.

 

Neben dem Patienten ist es aber auch der richtige Umgang mit den oft traumatisierten Angehörigen, der besonders wichtig ist! Diese brauchen Mitgefühl, aber kein Mitleid. Ständig nur mit einem tragischen Ereignis in Verbindung gebracht, darauf reduziert zu werden, ist sehr belastend. Wichtiger wäre ein an die persönlichen Bedürfnisse angepasster Alltag, der neben den Angehörigen auch dem Patienten zugute kommt. Rücksicht auf Besonderheiten. Die Möglichkeit mit einem schwer erkrankten Kind so normal wie es geht zu leben. Eine Familie, deren Kind in einem Rolli sitzt, stammt nicht von einem anderen Stern!

 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Jenni und Jenni, sowie ihren Müttern, für die freundliche Unterstützung durch ihre unschätzbaren Erfahrungswerte!

 

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